Zeitgeist kontra Weltanschauung – Versuch einer „zeitgemäßen“ Analyse

 

Zeitgeist - © Alfred Rhomberg

 

Zu dem Thema seien zwei Zitate vorangestellt:

 

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.
 (Goethe, Faust I:575-577)

 

und:

 

„Etwas Bornierteres als den Zeitgeist gibt es nicht. Wer nur die Gegenwart kennt, muss verblöden.“ (Hans Magnus Enzensberger)

 

Für den Autor dieses Beitrags ist das Enzensberger-Zitat derzeit besonders zutreffend, obwohl auch Goethe (wie meist) bei zeitgemäßer Interpretation recht hatte, wenn wir unter „Herren unserer Zeit“ die Politiker und Medien verstehen - wobei sich der „Geist der Zeit“ hauptsächlich in den Medien widerspiegelt, die unseren Zeitgeist bis zur Verdummung formen.

Unter Weltanschauung versteht man eine grundlegende Orientierung die aus mehreren Komponenten besteht und insbesondere die Deutung der Welt und die Rolle die der Einzelne in ihr spielt beinhaltet. Dazu gehören auch alle eigenen Erfahrungen und selbst erworbenes Wissen. 

 

Der Zeitgeist spielt in der eigenen „Weltanschauung“ eine relativ untergeordnete Rolle – er ist nur ein Augenblicksmoment. Viele solcher Augenblicksmomente können jedoch im Laufe eines Lebens die eigene Weltanschauung (meist negativ) beeinflussen, daher sollte jeder Mensch besonders darauf achten, inwieweit er sich vom jeweiligen Zeitgeist beeinflussen lässt.

Wie bereits gesagt, wird Zeitgeist weitgehend von den Medien bestimmt. Das beginnt mit den täglichen Nachrichten, Fernsehsendungen bis hin zu den Social Networks. Alle genannten Medien sind nicht in ihrer Gesamtheit „schlecht“ – wie dies auch für alle Errungenschaften unserer Kultur gilt, es kommt auf das Maß und die eigene Kritikfähigkeit an. Leider hat der Zeitgeist in seinen diversen Spielarten einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf unsere Kritikfähigkeit. Die negativen Einflüsse beginnen bereits mit den zahllosen Reformversuchen unserer Schul- und Bildungssysteme, in denen Spezialausbildung gegenüber Allgemeinbildung absoluten Vorrang hat. In der langen Berufszeit des Autors als Chemiker wurde deutlich, wie schnell Spezialbildung veraltet und die jüngeren Kollegen, die oft gerade wegen ihrer „Spezialbildung“ eingestellt wurden, sehr bald ins „Abseits“ gerieten.

 

Anm.: Spezialausbildungen sollten Mitarbeitern der Industrie entsprechend den jeweils wechselnden Anforderungen der Technik entweder extern oder intern vermittelt werden. Der Autor wurde während seiner Berufszeit mehrfach zu mehrtägigen Seminaren an Universitäten geschickt, die vom Verein Deutscher Chemiker organisiert wurden.

 

Eine Definition, was frau/man unter Allgemeinbildung verstehen will, ist nicht ganz leicht formulierbar. Sicher ist jedoch, dass (ganz im Sinne des Zitates von Enzensberger) Geschichte und die Zusammenhänge von geschichtlichen Ereignissen hohe Priorität hätten – wer nur in der Gegenwart lebt „verblödet“ wahrscheinlich tatsächlich, zumindest verliert er jegliche Art an Individualität. Mit dem Individualitätsbegriff tut sich unser Zeitgeist sowieso offenbar besonders schwer – jede/r möchte seine „Individualität“ herausstellen, weshalb die Werbung verständlicherweise schon lange auf diesen Zug nach dem Motto „sei individuell, indem du unsere Produkte XY verwendest“, aufgesprungen ist. Leider hat sich stets bewahrheitet, dass etwas, von dem allzu viel gesprochen wird, in Wirklichkeit schon gar nicht mehr existiert, so wurden schadhafte Geräte/Produkte zu einer Zeit als es noch keinen „Kundendienst“ gab vom Hersteller selbstverständlich ausgetauscht oder repariert – heute ist Kundendienst zu einem „Bezahldienst“ geworden, der sogar mit seinen Firmenwägen durch die Aufschrift „Kundendienst der Firma XY“ zusätzlich Reklame macht.

 

Resumée: Pflegen wir unsere Weltanschauungen mit dem Maßstab soziologischer Ausrichtungen der Aufklärung und den ethischen Aspekten sich hoffentlich weiter entwickelnder Weltkirchen und öffnen wir die Tür zum jeweiligen Zeitgeist nur sehr behutsam, ohne sich ihm ganz zu verschließen. Es gilt auch hier der alte medizinische Grundsatz von Paracelsus (1493-1529) in verkürzter Form: Die Dosis macht das Gift!

 

(28.03.2017)

 

 

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