Sprachlos im Newsbrei - und ein volkwirtschaftlicher Widerspruch
 

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„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ – schrieb Ludwig Wittgenstein(1).

 

Der Philosoph kannte die modernen Medien und Experten mit ihren Fähigkeiten, über alles unentwegt sprechen zu können, noch nicht. Damals (um 1918) gab es nur ‚Newspapers’ bzw. Zeitungen, in welche wenigstens noch Butterbrote eingewickelt und zur Arbeit mitgenommen werden konnten, oder die sich als WC-Papier und zum Heizen entsorgen ließen. 

 

Ich dagegen werde zunehmend sprachlos in einer Welt, die nicht mehr von Sprache, sondern von Bildern und einem pastösen Newsbrei beherrscht wird, einem Brei der alle Funkverbindungen und Koaxialkabel verstopft und sich in alle Gehirnwindungen einfrisst.

 

Wie entsorgt man digitale News, wenn sie nicht mehr ‚new’ sind?

 

Die Medienanstalten nehmen gebrauchte News nicht zurück – sie platzen selbst aus allen Nähten und vermehren ihre Koaxialkabel deshalb für neue News. Sie vergrößern die Archive, in welchen News zu handlichen Newsbrei-Konzentraten digital gepresst und dort zu „Geschichte“ kompostiert werden – aber brauchen wir wirklich so viel redundante Geschichte? Und wer trennt all das, was sich in einer einzigen online-Ausgabe eines Magazins aneinanderreiht :

 

   • Entsetzliche Grausamkeiten neben Werbeanzeigen zum Finden des „Idealpartners“

   • Ebola-Nachrichten neben Finanzierungsanzeigen für das Eigenheim

   • Flüchtlingselend in Syrien und Lampedusa neben Beziehungsproblemen von Popstars

   • US-Außenpolitik neben Nachrichten über das „Dschungelcamp“…etc.

   • Kriegseskalationen neben den „besten“ Smartphonangeboten

 

Mit der Digitalisierung, dem Internet und der Anzahl an Nachrichtensatelliten wuchs offenbar auch die Zahl der Krisen - jedenfalls könnte dieser Eindruck entstehen, wenn frau/man die Nachrichten hört oder online liest, selbst wenn sich manche "bad-news" später als gegenstandslos herausstellen. Jeder weiß natürlich, dass es auch vor der digitalen Nachrichtenzeit zu jedem Zeitpunkt der Geschichte Naturkatastrophen, Kriege und persönliches Leid gab, diese waren jedoch nicht so präsent und parallel in Tages- und online Zeitungen abrufbar. Die zahllosen Todesopfer der herrschenden Kriege, der „noch-nicht-Kriege“ und „fast-nicht-Kriege“ werden sich leider nie als gegenstandslos herausstellen, eben so wenig wie das herrschende Flüchtlingselend.

 

Es scheint, dass uns der Überfluss an Nachrichten auf Dauer abstumpft. Wir werden in eine Art Schlafzustand versetzt der es ermöglicht, sich vor den Realitäten abzuschotten. Viele interessieren sich deshalb nur noch für Lokalereignisse, Krimi-Fernsehsendungen oder Sporterergebnisse – damit muss man sich geistig nicht auseinandersetzen. Alles Übrige wird, ähnlich wie in Träumen und ihren oft irrealen Handlungsabläufen, nach dem Aufwachen meist schnell vergessen oder verdrängt. Offenbar arbeitet das Gehirn in unseren Träumen offenbar auf „Sparflamme“ um Energie zu sparen - ein Zustand in welchem auf reale Zusammenhänge verzichtet wird.

 

Vielleicht ist der mediale Abstumpfungsprozess eine traumähnliche (gesunde?) Abwehrreaktion, um uns vor Dingen zu schützen, auf die wir sowieso keinen Einfluss haben.

 

Warum füttert man uns dann jedoch mit diesem „Newsbrei“? Eine gute Frage, deren Antwort wohl einzig darin begründet sein kann, dass alle die an der Zubereitung dieses Breis beteiligt sind, damit Geld verdienen und dass unendlich viele Arbeitsplätze davon abhängen. Das führt sofort zur nächsten Frage: warum verdient man so viel Geld mit Dingen, die offenbar nur wenige brauchen?

 

Müsste es dann nicht nach den Regeln der Volkswirtschaft zu einer Nachrichten-Deflation und einer daraus resultierenden Reduktion der Nachfrage kommen?

 

In diesem Punkt unterscheiden sich überflüssige News von überflüssigen Wirtschafts-Konsumgütern – letztere kann man wegwerfen, entsorgen und gegebenenfalls wiederverwerten, bei News ist das praktisch ausgeschlossen – wer braucht schon „Gebrauchtnews“?

 

Eine Gefahr haftet allen News an: sie sind hochinfektiös und können sich durch die modernen Kommunikationsmittel, insbesondere durch "Social Networks" schnell zu soziologischen Krankheiten pandemisch verbreiten, für die es noch keine Gegenmittel gibt - außer Nachrichtenabstinenz, die nur von wenigen ohne Entzugserscheinungen ausgehalten wird.

 

(25.2.2015, redigiert September 2016)

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(1) Ludwig Wittgenstein, österreichischer Philosoph (1889-1951), aus: Tractatus Logico Philosophicus

 

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