Die Wegbereiter des Computer- und Internetzeitalters und die Folgen

 

High Density - © Alfred Rhomberg

 

Anlässlich des 100. Geburtstages von Alan Turing (1912-1954) wurden die Verdienste dieses Pioniers und seiner „Turing Maschine“ in den Medien ausgiebig behandelt(1). Dabei wurden zwei wichtige Bahnbereiter und Denker des Computer- und Internetzeitalters nicht erwähnt:  Norbert Wiener (1894 – 1964) und Marshall McLuhan (1911 –1980).

 

Es wäre falsch, heute anzunehmen, dass die Folgen des Internetzeitalters erst jetzt nachdem dieses Zeitalter bereits „ausgebrochen“ ist, erkannt werden. Vieles wurde bereits in den 60iger Jahren als das Internet noch gar nicht existierte, vorausgesehen – doch dazu später. Es soll an dieser Stelle auch nicht unerwähnt bleiben, dass das beginnende Computerzeitalter bereits in den 60er Jahren gelegentlich sogar an kleineren Universitäten wie Innsbruck bereits Diskussionen auslöste. So erinnert sich der Verfasser des Beitrags, dass an der philosophischen Fakultät, die damals strukturbedingt übergreifend fast alle Wissenschaften (außer Medizin, Theologie und Rechtswissenschaften) beheimatete, zusätzliche Vorlesungen und Diskussionsrunden nach Art eines „Studium Generale“ angeboten wurden, in welchen auch Fragen der beginnenden Informatik diskutiert wurden. Zu diesen Gesprächen hatten auch Studierende anderer Fakultäten Zugang, was in der damaligen „Vier-Fakultäten-Universität“ sonst nicht vorgesehen war. U.a. wurde darüber diskutiert, ob ein Computer jemals in der Lage sein könne, Computer zu entwerfen, die besser als der Computer selbst ist. Wir wissen heute, dass dies weitgehend der Fall ist, denn die Entwicklungen besserer Microchips, Computersoftware, sowie von Betriebssystemen sind ohne den Computer nicht mehr möglich.

 

Alan Turing 

 

Da, wie oben bereits angeklungen, auf Grund des 100. Geburtstages sehr viel Wissenswertes zur Person des begnadeten Mathematikers in Erinnerung gerufen wurde, sollen hier nur einige Stichworte erwähnt werden (1).

Alan Turing war Anhänger des „Mathematischen Formalismus“ und stand damit Im Gegensatz zu Ludwig Wittgenstein, der die Mathematik stets als „überbewertet“ betrachtete. Bekannt ist Alan Turing heute durch die Entzifferung von deutschen Funksprüchen während des Zweiten Weltkrieges, ferner durch die Entwicklung eines ersten Schachprogramms, bei dem Turing wegen der noch nicht ausgereiften Computer die einzelnen Züge selbst mathematisch berechnete und schließlich durch die sogenannten Turing-Maschinen zur Erkennung künstlicher Intelligenz.

 

Anm.: Das Gebiet der künstlichen Intelligenz (KI) ist Teilgebiet der Informatik, wobei unter KI die Automatisierung intelligenter Verhaltensweisen (im Gegensatz zu vorgetäuschter Intelligenz bei der Mehrzahl von Computerspielen) gemeint ist.

 

Norbert Wiener

 

Norbert Wiener galt als Wunderkind. Als 11-Jähriger (1906) Studium der Mathematik am Tulfs College (Abschluss 1909). Dann Wechsel nach Havard: Studium der Zoologie, 1910 Wechsel zur Cornell University: Studium der Philosophie, Rückkehr nach Havard, dort Weiterführung des Mathematikstudiums und Dissertation über mathematische Logik. Wechsel nach Cambridge (England, Studium unter Bertrand Russel), 1914 Göttingen (bei David Hilbert und Edmund Landau), Rückkehr in die USA, wo Wiener in den Jahren 1915 – 1916 in Havard Philosophie unterrichtete, Arbeit u.a. bei General Electric, dann bis Kriegsende Arbeiten über Ballistik für das Militär in Maryland (USA). Anschließend gab er Unterricht am Massachusetts Institut of Technology (MIT).

 

Heute könnten selbst Höchstbegabte wegen zu starrer Studienordnungen keine Studienabschlüsse in so kurzer Zeit absolvieren, so wie es auch unmöglich wäre, bereits mit 22 Jahren an einer Eliteuniversität (Havard) zu unterrichten. 

Norbert Wieners Name ist eng mit der Entwicklung von Rechenmaschinen verbunden und auch der Begriff „Kybernetik“ (Cybernetics) stammt von Wiener und wurde von ihm zum ersten Mal in seinem Werk „Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine“ (1948) verwendet.

 

Es würde hier zu weit führen, näher auf seine vielen mathematischen Arbeiten einzugehen. Wiener beherrschte 10 Sprachen, reiste sehr viel und kehrte nach seiner Heirat (1926) als Guggenheim-Stipendiat nach Europa zurück, wo er die meiste Zeit in Göttingen und in Cambridge (mit Hardy) arbeite. Wiener starb 1964 bei einer Vortragsreise in Stockholm. 

 

Marshall McLuhan

 

Marshall McLuhan ist von den drei Genannten aus heutiger Sicht der interessanteste Prophet (weniger Wegbereiter) des Internetzeitalters und dessen Folgen.

 

In zwei seiner Hauptwerke aus den frühen 60er Jahren "The Gutenberg Galaxy" und "The Global Village" (Das globale Dorf) schrieb McLuhan:

 

„Anstatt zu einer großen Alexandrinischen Bibliothek zu werden ist die Welt zu einem Computer geworden, einem elektronischen Gehirn, genau wie kindliche Science Fiktion. Wie unsere Sinne außer uns getreten sind, kommt der Große Bruder hinein. Wenn wir uns dieser Dynamik nicht bewusst sind verfallen wir plötzlich in eine Phase panischer Ängste, genau wie in einer kleinen Welt mit Stammestrommeln, totaler Abhängigkeit und überlagernder Koexistenz. […] Furcht ist der Normalzustand jeder mündlichen Gesellschaft, da in ihr alles alles zugleich betrifft. […] In unserem langen Bemühen, für die westliche Welt ein bisschen Einheit von Sensibilität und Denken zurückzubekommen, sind wir nicht mehr vorbereitet worden, die Konsequenzen eines Stammes zu akzeptieren, als wir bereit waren, die Fragmentierung der menschlichen Psyche durch die Druckkultur [hinzunehmen].“  (Zitatende Wikipedia aus "Gutenberg Galaxy" )

 

und:

 

„…dass visuelle, individualistische Druckkultur bald durch eine sogenannte elektronische gegenseitige Abhängigkeit abgelöst würde, sobald die Medien die visuelle Kultur durch die Hör- und Sprechkultur ablösen würden. In dieser Periode würde die Menschheit vom Individualismus und der Trennung abrücken und eine kollektive Identität aufStammesbasis annehmen. McLuhan bezeichnete diese Sozialstruktur als globales Dorf“(Zitatende  Wikipedia).

 

Im inzwischen weltweit etablierten Internetzeitalter kommt den beiden  Zitaten von McLuhan eine ganz besondere Bedeutung zu. Insbesondere der Satz  „…Anstatt zu einer großen Alexandrinischen Bibliothek zu werden, ist die Welt zu einem Computer geworden, einem elektronischen Gehirn, genau wie kindliche Science Fiction…“ (aus Gutenberg Galaxy) hat sich schneller bewahrheitet, als es Marshall McLuhen damals andachte.

Die Medien, seien es Fernsehsender, Printmedien mit ihren online-Ausgaben oder „Social Networks“ greifen tief in unser „Sein als Individuum“ ein, wobei auch die dadurch ausgelösten Ängste durch eben diese Medien gleich mitgeliefert werden.

 

Wie wirkt sich das Internetzeitalter aus heutiger Sicht auf unser Leben aus?

 

1. Die Sprache und die Fähigkeit des Schreibens werden bereits in der Schule durch die allzu frühzeitige (und unkritische) Einbindung in die Welt des Computers und das Internet auf ein Maß reduziert, wie dies noch vor 50 Jahren undenkbar gewesen wäre. Klassiker wie Goethe oder Schiller (oder gar die Gedichte eines Walther von der Vogelweide) sind bereits so in Vergessenheit geraten, wie dies vor 50 Jahren bei den Versen eines Homer oder Ovid der Fall war, sofern frau/man nicht gerade ein humanistisches Gymnasium besucht hatte.

 

2. Neue Handy-Generationen (mit denen man sogar noch telefonieren kann) dienen in erster Linie zum „Internet-Surfen“, zum Downloaden zweitklassiger Musik und zum Versenden von SMS in immer stärker verstümmelter Sprache.

 

Anm.: War die „Sprachverkürzung“ beim heute ausgedienten Telegramm noch aus Kostengründen erforderlich, so ist diese Sprachverkürzung bei SMS-Nachrichten nur noch durch Faulheit diktiert – ein kurzes oder langes SMS kosten gleich viel und trotzdem bedient frau/man sich sogenannter „Smileys“ und Code-Worte.

 

3. Die Wissensfragmentierung macht auch vor Schulen und Universitäten nicht halt. In der eingangs erwähnten Vierfakultätenfakultät wurde in Österreich zumindest noch der Versuch gemacht, eine Art Klammer für die meisten Wissenschaften innerhalb der philosophischen Fakultät zu bilden. Dass dies heute nicht mehr möglich ist, wird mit dem enormen Wissenszuwachs der letzten 50 Jahre begründet.

 

4. Dieser Wissenszuwachs ist tatsächlich vorhanden, rechtfertigt jedoch noch nicht die Aufsplittung in immer mehr Fakultäten. Allein im Fach Physik oder Chemie gibt es inzwischen so viele Fakultäten, dass sich ein Teilchenphysiker nicht mehr mit einem Bauphysiker verständigen kann. Immer stärker müsste die Frage in den Vordergrund gestellt werden, ab welchem Studienabschnitt die heute notwendige Spezialisierung erfolgen soll.

 

 

(30.6.2012/ 19.9.2016)

 

 

1. Sogar das gelegentlich grafisch veränderte Logo des google-Browsers war am 22. und 23. Juni 2012 dem 100. Geburtstag von Alan Turing gewidmet.

 

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