Triumph der Hässlichkeit
 
Schaufensterpuppen - © Wikipedia, Public Domain

 

 

Irgendwo bei Salzburg fand ich auf einer Wiese einen hässlichen, offenbar frauen/herrenlosen Gartenstuhl und dachte mir bei dessen Anblick: selber schuld – warum bist du so hässlich?

 

Dass dies ein Schlüsselerlebnis sein würde, merkte ich erst später: von nun an achtete ich in Bau- und Gartenmärkten verstärkt auf Gartenstühle und stellte fest, dass es offenbar nur noch hässliche Gartenstühle gibt – hässliche Gartenstühle sind derzeit „in“ und wer einen noch etwas hässlicheren in irgendeinem Gartencenter findet, kauft ihn und stellt seinen bisherigen hässlichen Gartenstuhl auf irgendeiner Wiese bei Salzburg ab.

 

Langsam verfestigte sich dieses Schlüsselerlebnis zu einer Art Schlüsselerlebnisneurose: ich achtete zunehmend auf Schaufenster und Gegenstände, die darin ausgestellt waren und es entstand die neurotische Verfestigung, dass es fast nur noch hässliche Gegenstände und Kleidungsstücke gäbe (1). Gar so neurotisch war diese Verfestigung vermutlich nicht, denn ich sah im Straßenbild tatsächlich überwiegend hässlich gekleidete Frauen und Männer und sogar deren Kinder werden bereits zur Hässlichkeit erzogen - oder sie erziehen sich gegenseitig selbst dazu. Natürlich fragt frau/man sich ob es teurer ist, elegantere Kleidung bzw. Gegenstände als hässliche herzustellen, wirklich wirtschaftlich nachvollziehbare Ursachen dafür gäbe es eigentlich nicht – ich spreche ja nicht von Ballkleidern, bei denen in der Renaissance- oder Jugendstilzeit vielleicht zehn Näherinnen damit beschäftigt waren, die Verrändelungen und Verzierungen anzubringen, sondern ich spreche von normalen Jeans, Hemden und Blusen, die schon einmal bessere (elegantere?) Zeiten und Schnittformen kannten und ich spreche auch nicht von Krawatten, von denen es heute vorwiegend nur noch hässliche Exemplare zu geben scheint, die jedoch das Straßenbild kaum beeinträchtigen, weil sie ohnehin niemand trägt.

 

Und dann gelangt frau/man zwangsläufig zu der Theorie, dass vieles eine Frage des Geschmacks (1), also ein Lernprozess ist, was die Frage nach der Ursache hässlicher Gegenstände vereinfacht: 

 

Lernprozesse sind mit wesentlich mehr Mühe verbunden als „Verlernprozesse“. Erst an zweiter Stelle rangiert der finanzielle Aspekt, doch auch in dieser Hinsicht regiert die "Einfallslosigkeit".  Es ist eben viel einfacher für Herren, sofern sie etwas tiefer in die Tasche greifen können, sich eher ein schwarzes Steve Jobs Hemd als einen Abendanzug zu kaufen: ein solches Hemd kann sowohl bei einem Gesellschaftsabend auf einem Kreuzfahrtschiff, als auch beim Besuch von GeschäftsfreundInnen angezogen werden – überall dort, wo die Menschen wissen, dass ein Steve Jobs Hemd ca. 600 kostet. Andererseits können erheblich weniger teure abgerissene Jeans heute auch in klassischen Konzerten getragen werden.

 

Und wenn ich dann über diese ganze Unproblematik eine zeitlang nachgedacht habe, fallen mir regelmäßig Erinnerungen aus den 60-iger Jahren ein, einer gegenüber heute "armen" Zeit, in der die jungen Damen erstklassig geschnittene, unzerknitterte, unzerissene (Edel)Jeans trugen. Da Damenblusen dazu nicht passten trugen sie weiße, gut geschnittene Herren- oder Knabenhemden mit aufgekrempelten Ärmeln. Ich erinnere mich ferner an etwas, das frau/man (glaube ich) Frisuren nannte und das Ganze war mit einer eleganten, ins Haar hinaufgeschobenen italienischen Sonnenbrille gekrönt, wobei lediglich das letztere heute noch gelegentlich zu beobachten ist.

 

In der Mode wiederholt sich bekanntlich vieles – und so muss ich halt wieder etwas warten.


(1) Wie “Eingeweihte” wissen gibt es auch heute noch Geschäfte, in denen es gut geschnittene und elegante Kleidung gibt und es sind meist nicht die Modegeschäfte mit klingenden Namen. Eines ist sicher: gute Kleidung ist im Vergleich zu früher extrem teuer und das Straßenbild wird selbst in Städten wie Paris, Rom oder Wien nicht mehr von gut angezogenen Frauen oder Männern dominiert. Vermutlich ist diese Kleidung deshalb so teuer, weil die LadeninhaberInnen selbst so lange danach suchen müssen.

 

 (Version 6.10.2014, Erstfassung 2012)

 

 

 

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